Wir denken nur selten darüber nach, doch wirklich gute Dinge haben eine gemeinsame
Eigenschaft: Man benutzt sie ganz selbstverständlich und hört irgendwann auf, sie bewusst
wahrzunehmen. Ein hervorragend geschneiderter Mantel lenkt nicht von der Person ab, die ihn
trägt. Nach kurzer Zeit achtet man weder auf den Stoff noch auf den Schnitt oder die Farbe –
man lebt einfach seinen Alltag.
Ich glaube, mit guter Architektur verhält es sich genauso.
Wenn Menschen eine Wohnung kaufen, betrachten sie aufmerksam die Fassade, die
Außenanlagen, die Grundrisse und jedes noch so kleine Detail des Projekts. Doch schon nach
kurzer Zeit verlieren diese Dinge ihre zentrale Bedeutung. Das Gebäude hört auf, ein Objekt der
Bewertung zu sein, und wird zu dem Ort, an dem das tägliche Leben stattfindet.
Die Menschen sprechen nicht mehr über Architektur. Sie kommen nach der Arbeit nach Hause,
frühstücken mit ihrer Familie, bringen ihre Kinder zur Schule, treffen Freunde, lesen ein Buch
auf dem Balkon oder öffnen einfach das Fenster, um die Abendluft hereinzulassen. Genau in
diesen alltäglichen Momenten zeigt sich, ob ein Architekt seine Aufgabe wirklich gut erfüllt hat.
Der erste Eindruck ist wichtig, aber er kann niemals das entscheidende Qualitätsmerkmal sein.
Viel schwieriger ist es, ein Zuhause zu entwerfen, das auch nach vielen Jahren nicht ermüdet.
Ein Zuhause, das seinen Bewohnern nicht langweilig wird, weil es nie nur geschaffen wurde, um
zu beeindrucken, sondern um das tägliche Leben ruhiger, angenehmer und natürlicher zu
machen.
Vielleicht habe ich gerade deshalb nie geglaubt, dass Architektur ständig Aufmerksamkeit
verlangen sollte. Wenn Bewohner auch nach zehn Jahren noch täglich die Fassade ihres Hauses
bewundern, fordert diese Fassade möglicherweise zu viel Aufmerksamkeit ein. Wirklich gute
Architektur wird mit der Zeit beinahe unsichtbar – nicht weil sie belanglos wäre, sondern weil
sie sich so selbstverständlich in das Leben ihrer Bewohner einfügt.
Für mich ist genau das das größte Kompliment, das ein Architekt bekommen kann: kein
Gebäude zu schaffen, das in den ersten Monaten Bewunderung hervorruft, sondern ein Zuhause,
in dem Menschen auch nach zwanzig Jahren noch gerne leben.